Katholiken, Reformierte, Lutheraner – „Glauben wechsel dich“ in Heidelberg, Mönchzell und Umgebung

Bis zur Reformationszeit war die Region an Elsenz und Lobbach natürlich katholisch, wie ganz Europa. Naja, jedenfalls seit der Christianisierung, die frühestens um 500 eingesetzt hat. Luthers Ideen, die heute sogar von Papst Franziskus anerkannt werden, waren in der Kurpfalz durch seine öffentliche Heidelberger Disputation von 1518 bekannt geworden. Die Heidelberger Disputation (das kommt vom Lateinischen disputare „auseinandersetzen“, „erörtern“) war ein im April 1518 von Martin Luther geleitetes wissenschaftliches Streitgespräch in der Heidelberger Universität. Für die Ausbreitung von Luthers Lehre im südwestdeutschen Raum hatte sie große Bedeutung.

Mönchzell schon seit 1529 lutherisch?

Zwar förderte der damals herrschende Pfalzgraf Ludwig V., der von 1508 bis bis 1544 regierte, Luthers Lehre nicht. Es gab aber niederadelige Orte, in denen das Luthertum trotzdem Fuß fasste, z.B. in Mönchzell. Dort herrschte von 1528 bis 1555 Carl von Zandt. Er hatte das Lehen Mönchzell für 1425 Rheinische Gulden (= heutige Kaufkraft von 473.881 € nach dem Mittelalter-Rechner) erworben. Zandt führte das lutherische Bekenntnis in Mönchzell ein, also 1529 oder in den 1530er Jahren. Die Zandtschen Vogtsjunker konnten es gegen alle Einsprüche der  Kurpfalz bewahren. Nur während des Dreißigjährigen Kriegs setzte 1631 der bayerische Amtsmann auf dem Dilsberg zeitweilig einen katholischen Geistlichen ein. Die lutherische Kirche lag damals noch im Schlosshof oberhalb des Gutsgebäudes. Das Luthertum hat an Elsenz und Lobbach schon früh zahlreiche Anhänger gefunden. Vor allem beim Niederadel. So wurden viele Gemeinden lutherisch, in denen lutherisch gesinnte Herren das Besetzungsrecht der Pfarrei innehatten. Von Neckarsteinach hielt der lutherische Gottesdienst schon 1527 seinen Einzug. Ähliches lässt sich in den vogsjunkerlichen Orten des Kraichgaus beobachten. Hier ließen die Pfalzgrafen trotz ihrer Hoheitsrechte den lutherischen Ortsadel gewähren. Interessanterweise waren auch die hohen Beamten am kurpfälzischen Hof überwiegend lutherisch und ließen sich vom Konfessionswechsel der Pfalzgrafen kaum irritieren. Die neuen Lutheraner in den kurpfälzischen Gemeinden kamen aber nicht nur aus den ritterschaftlichen Orten der Meckesheimer oder Reichartshauser Zent, sondern auch aus Hessen und aus Württemberg, aus dem Erbachischen und dem Badischen.

Sieg des Luthertums in der Kurpfalz

Erst Friedrich II., der 1544 an die Macht kam und sie bis 1556 inne hatte, zeigte sich Luthers Lehren zugänglich. 1546 ersetzte er die lateinische Messe durch eine deutsche. Das war unerhört. Seine Kirchenordnung für die Pfalz brauch mit vielen Traditionen. Es war aber erst sein Neffe und Nachfolger Ottheinrich (156 bis 1559), der die Reformation in der Kurpfalz durchsetzte. Die Kirchenordnung, die Ottheinrich erließ, sorgte in vielen Gemeinden für Unruhe, weil dort die katholisch gesinnten Geistlichen ihre Ämter verloren. Überall kam es Widerständen gegen die Reformation, zum Beispiel in Neckargemünd und Bammental.

Die Kurpfälzer als Auserwählte des Herrn

Pfalzgraf Friedrich III. (1559 bis 1576) neigte der calvinistischen Glaubensrichtung zu. Er führte 1563 den berühmten Heidelberger Katechismus ein. Damit kam es zum Durchbruch der calvinistischen Lehre. Johannes Calvin war ein ein französischer Reformation in Genf. Sozusagen der französische Kollege von Martin Luther. Den Calvinismus bezeichnete man in der Kurpfalz im Unterschied zum Luthertum als die „reformierte Konfession“. Es gab also Katholiken, Lutheraner und Reformierte. Die reformierte Konfession, also der Calvinismus, setzte sich in der Kurpfalz schließlich durch.

Wie beim Luthertum gingen die Reformierten bzw. Calvinisten von den fogenden vier „Soli“ (Grundsätzen) aus:

  • sola scriptura – allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens (nicht die katholische Tradition)
  • solus Christus – allein Christus (nicht die Kirche) hat Autorität über Gläubige
  • sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (nicht wegen seiner eigenen Güte)
  • sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke)

Dazu kamen bei den calvinistischen Reformierten aber noch fünft weitere Grundannahmen, die calvinistische Tulpe, die sich vom englischen TULIP = Tulpe ableitet.

TULIP für

  • Total depravity (völlige Verderbtheit des Menschen, so dass er nur mit Hilfe des Heiligen Geistes Gottes rettende Botschaft verstehen kann),
  • Unconditional election (bedingungslose Erwählung der Auserwählten, die auferstehen werden, während die anderen zur ewigen Hölle verdammt sind),
  • Limited atonement (begrenzte Sühne durch den Tod Jesu für die Auserwählten),
  • Irresistible grace (unaufhaltsame Gnade Gottes gegenüber den Auserwählten, die dem Ruf Gottes nicht widerstehen können),
  • Perseverance of the saints (Gerettetbleiben der Auserwählten, die Gottes Gnade unmöglich verlieren können)

Darüber hinaus ist der Calvinismus gekennzeichnet durch:

Das Glaubenskarussel  dreht sich

Kurfürst Friedrichs III. Nachfolger war Ludwig IV. (1567 bis 1583). Dem folge wiederum Kurfürst Johann Kasimir (1583 bis 1592) nach.  Bei den vielen Namen wird einem ganz schwindelig. Aber schwindelig wurde es damals sicher auch den Gläubigen; denn Ludwig führte wieder das lutherische Bekenntnis ein. Und Johann Kasimir: Der wechselte wieder zum reformierten Bekenntnis. Es ging also drunter und drüber: Erst katholisch, dann lutherisch, dann reformiert, dann wieder lutherisch, dann wieder reformiert. Was sollte bzw. durfte man da noch glauben?

Religion nach Kriegslage

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) brachte je nach Kriegsglück jedesmal einen Religionswechsel. Als die bayerischen Truppen unter ihrem Feldherrn Tilly 1622 die Kurpfalz besetzten, gab es auch in Neckargemünd, Dilsberg und Umgebung auf einmal sogar wieder katholische Gottesdienste. Der Amtmann auf dem Dilsberg ordnete auch für Mönchzell wieder katholische Gottesdienste an. Nach dem Sieg der protestantischen Schweden im Jahr 1632 hatten Reformierte und Lutheraner wieder die Oberhand.

Endlich Frieden

1648 war dann endlich Schluss, es kam zum Westfälischen Frieden, mit dem die konfessionellen Verhältnisse von 1618 wiederhergestellt wurden. Die Kurpfalz kehrte zum reformierten Bekenntnis zurück. Aber auch die Lutheraner konnten sich unter Kurfürst Karl Ludwig (1649 bis 1680) in Frieden entfalten.

Des Teufels Brut

Der Friede sollte allerdings nicht von Dauer sein. Liest man Wolfgang Vaters „Der Untergang der Kurpfalz“ stößt man für das Jahr 1738 auf folgenden Reim:

„Calvinisten, Lutheraner, alles ist des Teufels Brut.
Ketzer sind sie und Verleumder,
lechzen nach kathol’schem Blut.
Holt die Schlegel, wetzt die Messer!
Zündet schon das Feuer an!
Legt viel Reisig auf den Haufen
und gebt schwarzes Pech daran!
Brennen soll’n sie lichterloh,
dann erst wird die Pfalz recht froh.“

Seit dem Tod des letzten reformierten Kurfürsten hatte eine katholische Nebenlinie die Herrschaft über die Kurpfalz übernommen: Die Linie Pfalz-Neuenburg. Sie siedelte zum Leidwesen der Protestanten bevorzugt katholische Familien in der Kurpfalz an.

Übersicht über die Konfessionswechsel bis zum Untergang der Kurpfalz:

  • Die  katholischen Kurfürsten Ludwig V. (1508 bis 1544) und Friedrich II. (1544 bis 1556) duldeten unter der Hand die evangelische Lehre.
  • Ottheinrich (1556 bis 1559) schaffte den Katholizismus zugunsten der Lutheraner ab.
  • Sein Nachfolger Friedrich III. (1559 bis 1576) führte den Calvinismus ein und verbot den Katholizismus.
  • Sein lutherisch erzogener Sohn Ludwig VI. (1576 bis 1583) förderte das Luthertum und schaffte Calvinismus und Katholizismus ab.
  • Johann Kasimir (1583 bis 1592) als Administrator für Friedrich VI. (1610 bis 1623) war reformiert, duldete aber die Lutheraner, nahm die Wahl zum König von Böhmen an und verlor durch die vom Kaiser verhängte Reichsacht Land und Kurwürde; im Land verhalfen die vom Kaiser zu Hilfe gerufenen Spanier wieder dem Katholizismus zur alleinigen Herrschaft.
  • Der reformierte Karl Ludwig (1649 bis 1680) duldete alle drei Konfessionen.
  • 1685 erbt die katholische Linie von Pfal-Neuburg mit Phillip Wilhelm (1685 bis 1690) die Kurpfalz. Obwohl er bei der Übernahme der Kurpfalz durch die Neuburger Linie versprochen hatte, die Evangelischen in ihrem Stand zu belassen,
  • ließen es seine Söhne Johann Wilhelm (1690 bis 1716) und Karl III. Phillip (1716 bis 1742), der die Residenz von Heidelberg nach Mannheim verlegte, weil ihm die Heiliggeistkirche nicht als katholische Hofkirche eingeräumt wurde, an gegenreformatorischen Versuchen nicht fehlen. Johann Wilhelm verfügte 1698 das „Simultaneum“, also das gemeinsame Benutzen der Kirchen und des Kirchenvermögens durch Reformierte, Lutheraner und Katholiken. Das Kirchenvermögen wurde durch drei geteilt. Das löste große Reibereien in den Gemeinden aus.  Karl III. Phillip machte sich durch religiöse Verfolgungen „einen widerwärtigen Namen“. Auf Druck Preußens wurde aber 1705 Toleranz zugesagt und eine Aufteilung des gemeinsamen Kirchenvermögens unter Katholiken und Reformierten im Verhältnis 5/7 zu 2/7 vorgesehen. Die Katholiken kamen dabei zu gut und weg und die Lutheraner gingen leer aus.
  • Unter Carl Theodor (1742 bis 1799) herrschte einige Toleranz. Eheschließungen waren aber in der Religion des Mannes zu vollziehen. Bestanden dennoch Mischehen waren die Söhne in der väterlichen und die Töchter in der mütterlichen Konfession zu erziehen, wobei es erlaubt war alle Kinder katholisch zu erziehen, nicht aber evangelisch. Die in aller Regel katholischen Beamten bevorzugten den Katholizismus. Die Evangelischen wurden benachteiligt, z.B. beim Bürgerrechtserwerb, bei der Besetzung von Ehrenämtern, beim Heiraten und bei der Kindererziehung.

1821 entsteht die Evangelische Landeskirche Baden

1821 kam es zu einer Vereinigung der calvinistisch reformierten und der lutherischen Gemeinden. Aus dieser Union ging 1821 die Evangelische Landeskirche Baden hervor.

 

 

 

 

 

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