Not und Armut führten zur Auswanderung – Lobenfeld, Mückenloch, Waldhilsbach, Gaiberg und Michelbach waren „Notstandsgebiete“

Die gute alte Zeit, war überhaupt nicht gut. Armut herrschte im 19. Jahrhundert allerorten. Viele befanden sich in einem schlechten körperlichen und  geistigen Zustand. Krankheiten und Mangelerscheinungen waren an der Tagesordnung, Taubstumme und blinde Kinder keine Seltenheit. Auch die sozialen Verhältnisse waren aus heutiger Sicht miserabel.

Problem: Wilde Ehen

Ein besonderer Problempunkt: Es gab viele wilde Ehen. Diese waren aber nicht – wie heute – freiwillig gewählt, sondern mussten erzwungenermaßen geführt werden. Wer heiraten wollte, musste dem Gemeinderat ein bestimmtes Vermögen nachweisen. So mancher hatte zwar eine Braut, aber kein Geld. So blieb man zeitlebens unverheiratet auch wenn man zusammenlebte und im Laufe der Jahre über eine stattliche Anzahl nichtehelicher Kinder verfügte. Für die Gemeinden war das fatal. Sie mussten die unehelichen Kinder versorgen.

So erließ das Bezirksamt Neckargemünd 1835  für die 40 zu ihm gehörenden Gemeinden, zu denen auch  Neckargemünd, Bammental, Dilsberg, Gaiberg, Gauangelloch, Haag, Lobenfeld, Mauer, Meckesheim,Michelbach, Mönchzell, Moosbrunn, Mückenloch, Neunkirchen, Oberschwarzach, Ochsenbach, Schönbrunn, Schwanheim, Spechbach, Unterschwarzach,Waldhilsbach, Waldwimmersbach und Wiesenbach gehörten, folgende Verfügung:

„Ein solcher Unfug darf nicht länger mehr geduldet werden“

„Es kommen öfters Fälle dahier vor, wonach Personen, weil sie in wilder Ehe beisammen leben, bestraft werde müssen. Ein solcher Unfug, der für die Gemeinden die nachteiligsten Folgen hat, weil sie die aus wilder Ehe erzeugten Kinder ernähren muß, darf nicht länger mehr geduldet werden, und deswegen sieht man sich veranlaßt, die Bürgermeister anzuweisen, daß sie vermöge der ihnen zustehenden Polizeigewalt einem solchen verbotenen Zusammenleben mit allem Nachdruck begegnen und von Bestrafungen der Übertretungen jedesmal Anzeige hierher machen. Diejenigen Bürgermeister, die sich zu nachsichtsvoll benehmen, haben zu erwarten, daß sie von den Gemeinden regressorisch belangt und in die Zahlung derjenigen Ernährungs- und Verpflegungskosten verurteilt werden, welche den Gemeinden auf angegebene Art erwachsen können.“

Uneheliche und Waisenkinder wurde seit jeher auf Kosten der Gemeindekasse bestimmten Bürgern zur Pflege übergeben. „Der Pflegnehmer“ hatte für die Erziehung der Kinder zu sorgen, das Kind zum Schulbesuch anzuhalten und das Schulgeld zu bezahlen.

Hungerjahre

Die Jahre um die Mitte des 19. Jahrhunderts führten aber zu einer besonderen Krise: Sie gingen als die  „Hungerjahre“ in die Geschichte ein. So regnete es 1845 von April bis Juni fast ohne Unterbrechung. Die Saaten gingen unter und der Dauerregen schwämmte die Samen aus den Äckern. Die Kartoffelkrankheit, die das Hauptnahrungsmittel der Menschen betraf, breitete sich in ganz Europa aus. Die Knollen bekamen schwarze Flecken, verbreiteten einen bösen Geruch und wurden ungenießbar. Betteln auf der Straße war zwar ohnehin an der Tagesordnung. Jetzt aber ging es um die Existenz weiter Bevölkerungskreise. Die Gemeinde unterstützte so gut es irgendwie ging die Ortsarmen, die man heute als unterernährt bezeichnen würde. Um 1850 zählte im Schnitt jeder achte Einwohner im Ort zu den Ortsarmen, die zum Teil verwahrlost waren, deren Kinder vom Betteln lebten und die als Alte oder Kranke in erbärmlichen Verhältnissen hausten.Im Land kam es vereinzelt sogar zu Brotkrawallen. Die Hungerjahre zwangen viele Menschen unserer Region zur Auswanderung. In den Zeitungen häuften sich die Anzeigen von Auswandereragenturen. Die Gemeinden selber förderten das Auswandern. Die Gemeinden fürchteten längerfristig Unterstützungslasten für Hungernde und Arme tragen zu müssen. Man wollte die verarmten Menschen schnell los werden.

Dorfarme werden nach Amerika abgeschoben

Zu den ärmsten Gemeinden im Bezirk des Neckargemünder Amtes gehörte Waldhilsbach. Die Gemeinde ließ 1854 ihren letzten Wald roden, um 55 Auswanderungswilligen die Ausreise zu finanzieren. In Gaiberg waren 1852 sogar 168 Personen nach Nordamerika ausgewandert. Das war mehr als ein Viertel der damaligen Gesamtbevölkerung Gaibergs. Die 1854 im Amtsbezirk Neckargemünd gesammelten Gelder für die notleidende Bevölkerung wurden je etwa zur Hälfte auf die Gemeinden Waldhilsbach und Lobenfeld verteilt. Den Waldhilsbachern wurde zusätzlich die gestiftete Gerste, den Einwohner von Michelbach der gespendete Hafer und den Mückenlochern der gesammelte Spelz zur Armenversorgung zugeleitet. Die genannten Gemeinden galten um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Notstandsgebiete.

Revolutionsscheitern verstärkt Auswanderung

Bald danach verstärkte die gescheiterte Revolution von 1848/49 den Auszug aus Baden und Württemberg. Jetzt verstärkt aus politischen Gründen. Erst nach 1855 ebbte die Auswanderungswelle langsam ab. Allerdings hatte die Not erreicht, dass zwischen 1845 und 1857 aus dem Großherzogtum Baden und der Pfalz 174.000 Menschen auswanderten. Das Königreich Württemberg verließen im gleichen Zeitraum 164.000 Auswanderer und damit zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Zwischen 1850 und 1970 verließen 1,943 Millionen Deutsche als Auswanderer ihr Land.

 

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