War die Meckesheimerin Irminrat doch ein Mann?

Irminrat schenkte 822 dem Kloster Lorsch ein eingezäuntes Weidegrundstück auf Meckesheimer Germarkung. Die Urkunde wurde später in den Lorscher Kodex aufgenommen (siehe das Titelbild). So wurde Irminrat zur Patin der ersten urkundlichen Erwähnung Meckesheims. Oder war es doch ein Pate? War Irminrat vielleicht gar keine Frau, sondern ein Mann?

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Irminrat in der Vorstellung der Auheimer bei deren 1200-Jahrfeier. Interessanterweise in Meckesheimer Blau und Mönchzeller Grün.

Begeben wir uns einmal auf Forschungsreise:

Irmin-

Tante Wiki

Bei Tante Wiki finden wir zum Namen Irmin Folgendes: Irmin (handschriftlich Hirmin) ist eine literarische Figur des Widukind von Corvey aus seiner frühmittelalterlichen historiographischen Schrift Die Sachsengeschichte.

Mittelalterforscher schlossen, in Verbindung mit der Irminsul, aus Widukinds Darstellung auf Irmin als eine Gottheit der Sachsen.

Der Abschnitt mit der Nennung von Irmin findet sich im Anfangsteil von Widukinds Bericht zur mythischen, beziehungsweise historisch schriftlosen Urzeit der Herausbildung des Sachsenstammes im fünften und sechsten Jahrhundert. Diese Zeit wird   literaturgeschichtlich als Heldenalter bezeichnet. In der Schlacht bei Burgscheidungen im Jahr 531 besiegen die merowingischen Franken die Thüringer unter Irminfried durch die Beihilfe sächsischer Kontingente. Nach der siegreichen Schlacht feiern die Sachsen ein dreitägiges Fest und  errichten eine Irminsul und einen Opferaltar.

„Als es Tag geworden war, legten sie am Osttor den Adler nieder und errichteten einen Siegesaltar, um nach dem Irrglauben der Väter das ihnen Heilige mit jeweils eigener Verehrung zu verehren: mit dem Namen den Mars, mit der Nachbildung von Säulen den Herakles und mit der Wahl des Ortes den Sol, den die Griechen Apollo nennen. Daraus geht hervor, dass auf jeden Fall die Meinung derjenigen glaubwürdig ist, die der Ansicht sind, dass die Sachsen von den Griechen abstammen, denn Hirmin oder Hermis ist der griechische Name des Mars; und bis zum heutigen Tage gebrauchen wir dieses Wort zur Bekräftigung im lobenden oder im tadelnden Sinne, wenn auch unwissentlich.“

Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae 1, 12 (Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, S. 41).
Etymologisch lässt sich für Irmin das germanische *(e)irmanaz für groß, gewaltig ansetzen. Die sprachliche Bedeutungseinheit Irmin  findet sich auch  in anderen frühmittelalterlichen Textzeugen wieder, beispielsweise im Hildebrandslied in den Komposita Irmindeot und Irmingot und in Personennamen wie dem oben genannten Irminfried.

Meyers Konversationslexikon

Das große Konversationslexikon von Meiyer beschreibt Irmin (Ermin, d. h. »der Erhabene«, vgl. angelsächs. yrmen, »unermeßlich«), als göttlichen Stammvater des westgermanischen Stammes der Erminonen (Herminonen), wahrscheinlich identisch mit dem alten Himmelsgott Ziu (altnord. Tyr, s. d.). Seine Verehrung war jedoch nicht auf jenen Stamm beschränkt: von den heidnischen Sachsen wird berichtet, daß sie zu Ehren dieses Gottes gewaltige Baumstämme, die sogen. Irmensäulen(Irminsûli), errichteten, so bei Scheidungen (nach dem Siege über die Thüringer) und bei Eresburg in Westfalen; diese zweite, die als Nationalheiligtum des Volkes galt, ward von Karl d. Gr. 772 zerstört. Als Appellativum hat sich das Wort I. in den altgermanischen Dialekten meist nur als erstes Glied von Kompositis erhalten, in denen es den Begriff des zweiten Wortes verstärkt; besonders beliebt war es in Eigennamen. Vgl. K. Müllenhoff in der »Zeitschrift für deutsches Altertum«, Bd. 23 (1879).

Ịrmin, männlicher Vorname, verselbstständigte Kurzform von Namen, die mit »Irmin-« (germanisch *ermana, *irmina »allumfassend, groß«, später Namenglied mit verstärkender Bedeutung) gebildet sind.

Die Retrobibliothek

beschreibt „Irmin“ als altgermanisches Wort, welches s. v. w. allgemein oder umfassend bedeutete und in den ältesten Schriftdenkmälern gewöhnlich als Bestandteil zusammengesetzter Namen (z. B. Irminman, Irmingot, Irmanfrit, Irmangart) vorkommt (auch in Ermanarich oder Ermrich und vielleicht in Arminius klingt es wider).

-rat?

Thordis Hennings weißt in seiner Einführung ins Mittelhochdeutsche darauf hin, dass die Bedeutungseinheit „-rat“ im Mittelhochdeutschen eine viel breiter gefächerte als im Neuhochdeutschen hat: Vorrat, Rat, Hilfe, Ausweg, Ratgeber, Berater.

War Irminrat eine Frau oder ein Mann?

Die Silbe -rat oder -rad findet man in vielen Männernamen, z.B. Meinrad. Dennoch handelt es sich bei unserer Irminrat um eine Frau. Sie war nämlich mit einem Folger (Volker) verheiratet. Und das war – jedenfalls im 9. Jahrhundert – eindeutig ein Männername.

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Ist die Irminrat aus der Urkunde von 780 vielleicht nicht dieselbe Irminrat von 822 aus der Meckesheimer Urkunde? Diese ist 42 Jahre jünger. Irminrat müsste dann also über 60 Jahre alt geworden sein. Das ist aber nicht ausgeschlossen, selbst wenn die Lebenserwartung damals deutlich niedriger lag als heute. Karl der Große, der zur gleichen Zeit lebte, wurde schließlich auch über 60 Jahre alt. Selbst wenn die beiden Irminrats nicht die selben gewesen sein sollten, ist Irminrat als weiblicher Vorname belegt.

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