Meckesheim 822: Das „Heim des Meckino“und was sonst noch geschah

Was war 822 n. Chr. für ein Jahr?

Dass 822 das Jahr der ältesten  Niederschrift des Ortsnamens Meckesheim ist, weiß an Lobbach und Elsenz fast jeder. Was geschah in dieser Zeit aber sonst noch? Wie lebten die Menschen, was bewegte sie? Darauf wollen wir hier  Antworten finden.

822

Meckinos Kinder

Meckesheim wurde – jedenfalls aus heutiger Sicht – zum ersten Mal in der berühmten Urkundensammlung des Lorscher Codex erwähnt. Damals hieß es noch „Meckinesheim“. Mit der Endung „-heim“ gibt sich Meckesheim als fränkische Gründung des Frühmittelalters zu erkennen. „Heim“-Orte sind fränkisch, „Ingen“-Orte alemannisch. Der Ortsname könnte auf den Personennamen „Meckino“ zurückgehen. Meckesheim war also vielleicht der Ort, an dem sich ein fränkischer Clanchef namens Meckino mit seiner Sippe angesiedelt hat. Der Mittelrheinraum mit dem Kloster Lorsch und damit natürlich auch Meckesheim gehörte zu den Kerngebieten karolingischer Herrschaft.

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So könnte Meckino ausgesehen haben. Merowinger-Rekonstruktion im LVR-Landesmusium Bonn

Vor 1400 Jahren starb zwar vermutlich nicht der Meckino, aber der „Herr von Morken“ im heutigen Nordrhein-Westfalen. Wissenschaftler haben aus dem gefunden Totenkopf sein Gesicht rekonstruiert. Es zeigt einen Amtsadeligen der Merowinger, der gut lebte und sich für den Krieg interessierte. Die sahen damals also gar nicht anders aus als wir.

Der Meckesheimer Meckino besiedelte Meckesheim natürlich nicht 822, sondern schon lange vorher, nämlich bei der sogenannten „fränkischen Landnahme“, der Eroberung unserer Heimat durch die Franken ab 500. Insofern passt das Bild des Herren von Morken ganz gut zum Herren von Meckinesheim.

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„Meckinesheim“ im Lorscher Urkundenbuch

Hier die Übersetzung der Urkunde aus dem Lateinischen:

clmeckesheimubersetzung

Habt ihr euch schon einmal überlegt, was das für eine Zeit um 822 war?

Die schöne Judith

Es ist die Zeit, in der Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen im Frankenreich, das von Dänemark bis Rom und von Kärnten bis Barecolan reicht, regiert. Er war im ersten Jahrzehnt seiner Regierung ein erfolgreicher Kaiser, doch dann kam es zur Katastophe. Seine drei Söhne aus erster Ehe kämpfen bereits zu Lebzeiten des Vaters um ihr Erbe. Ihr stärkster Gegner ist die schöne Judiths, die zweite Frau Ludwigs, die führ ihren und Ludwigs vierten Sohn Karl, auch einen Teil des Reiches als Erbe will. Wer in diese Zeit eintauchen möchte, kann dies am unterhaltsamsten mit dem historischen Romans von Martina Kempff „Die Welfenkaiserin“ tun. Er ist exzellent recherchiert und hochspannend geschrieben. Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ kommentierte: „Wenn Sie auf der Suche nach gut recherchierten historischen Romanen mit starken Frauenfiguren sind, dann liegen sie bei Martina Kempff genau richtig.“  Hier der Klappentext zu diesem „Frauen-Roman“, der für Männer genauso lesenswert wie für Frauen ist : „Siebzehn Jungfrauen stehen zur Wahl: Es ist das Jahr 818, als Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, die schönsten Töchter edler Familien aus dem ganzen Reich nach Aachen bringen lässt. Auf einer Brautschau soll der verwitwete Kaiser eine neue Ehefrau finden. Die Überraschung ist groß, als sich der Herrscher ausgerechnet für die eigenwillige Welfentochter Judith entscheidet. Der Kaiser liebt seine neue Gemahlin über alles und lässt der klugen Frau freie Hand, was Ludwigs Vertraute und vor allem seine erwachsenen Söhne mit Bestürzung beobachten. Aus Misstrauen wird Hass, als dem Kaiserpaar ein Sohn geboren wird. Judiths Feinde zerren die Kaiserin wegen Ehebruchs und Zauberei vor Gericht. Und von diesem Moment an müssen Mutter und Kind um ihr Leben fürchten.“

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Judith im Weingartener Stifterbüchlein

Der fromme Ludwig

822. Vor gerade einmal acht Jahren war 814 Karl der Große gestorben: König war jetzt sein Sohn Ludwig der Fromme, der auch in der Meckesheimer Urkunde erwähnt ist. An ihm bewahrheitete sich einmal mehr der Spruch, dass es ein schweres Schicksal bedeuten kann, der Sohn eines großen Mannes zu sein. Der Sohn und Nachfolger Karls des Großen ist in der Geschichtsschreibung im Vergleich zur Jahrtausendgestalt seines Vaters schlecht weggekommen. Damit wird ihm aber Unrecht getan. Das Großreich seines Vaters hatte seine Grenzen erreicht und der Verfall hatte bereits begonnen. Es ist eben immer einfacher aufzubauen als das Erreichte zu erhalten. Ludwig war zudem ein tief religiöser und milder Herrscher, der allerdings auch die für einen Herrscher erforderliche Tatkraft besaß, ja bisweilen sogar skrupellos war. Ludwig reformierte Staat und Kirch. Wer sich intensiver mit ihm befasst erkennt schnell, dass er eben nicht bloß „Des großen Kaisers kleiner Sohn“ war.

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Ludwig als „Soldat Christi“ um 831 in einem „Figurengedicht“ des Rabanus Maurus. Aus den Buchstaben des Heiligenscheins formt sich die Bitte: „Tu Hludouuicum Criste corona“ („Du, Christus, kröne Ludwig“)

Ludwig  war Kaiser des Fränkischen Reichs (813–840). Er war der Sohn und Nachfolger Karls des Großen und führte dessen Politik zunächst erfolgreich weiter. In Auseinandersetzungen mit seinen eigenen Söhnen wurde er aber 830 und 833/34 zweimal vorübergehend abgesetzt. Es gelang Ludwig dem Frommen wegen seiner machthungrigen Söhne nicht, ein überlebensfähiges fränkisches Großreich zu schaffen. Es wurde 843 unter drei seiner Söhne geteilt.

Aber blicken wir zunächst auf den 28. Januar 814 zurück. An diesem Trauertag für ganz Westeuropa stirbt Karl der Große als 67jähriger an einer Lungenentzündung. Damit hatte niemand gerechnet. Karl hatte schon seit langem sein 45 Jahre altes Testament ändern und die Ordnung des Reiches neu regeln wollen. Dummerweise hatte er es immer wieder hinausgeschoben. Ob er sich für unsterblich hielt? Oder glaubte er vielleicht wirklich sterben zu müssen, wenn alles geregelt war? Jetzt war er jedenfalls tot, der Mann, der 46 Jahre lang die Geschicke der westlichen Christenheit gelenkt hatte. Karl wurde in der von ihm selbst erbauten Aachener Pfalzkapelle beigesetzt. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig sorgte in Aachen schnell für klare Verhältnisse. Ludwig hatte bis zum Tode seine Vaters als Unterkönig treu in Auquitanien, der heutigen französischen Südhälfte für seinen Vater regiert, der die Zügel immer in der Hand behalten hatte. Der fromme Ludwig räumte an dem sittlich in den letzten Lebensjahren seines lüsternen Vaters verkommenen Hof – Ja Karl der Große war ein geiler Lustmolch – mit eiserner Hand auf. Nicht nur unter den Konkubinen, sondern auch unter seinen Verwandten, obwohl er bei seiner Krönung zum Mitkaiser im Jahr zuvor geschworen hatte, sich liebevoll um alle Familienangehörigen zu kümmern. Seine Verwandten schob er in die Klöster ab oder ließ sie in Verliese werfen. Die Friedelfrauen (legitime Nebenfrauen) und Dirnen Karls ließ Ludwig aus Aachen vertreiben.

Dann passierte etwas Außergewöhnliches: Am Gründonnerstag 817 starb Ludwig fast, als der Holzgang zwischen Kirche und Palast in Aachen unter ihm zusammenbrach. Ludwig regelte daher jetzt seine Nachfolge und erließ die „Ordinatio imperii“, die „Reichsordnung“. Nach dieser Reichsordnung sollte immer der älteste Sohn des Kaisers den Titel des römischen Kaisers erben. Ludwig entschied sich für den Reichseinheitsgedanken. Er sah die Einheit des Reiches als Pendant zur Einheit der Kirche. Der Einfluss der Bischöfe spielte sicherlich eine besondere politische Rolle: Sie stellten sich gegen die Söhne des Kaisers, die für die Aufteilung des Reiches waren. Nach dieser Reichsordnung sollte sein erstgeborener Sohn Lothar I., Kaiser des Reiches werden. Dessen Brüder Pippin und Ludwig der Deutsche sollten als dem Kaiser unterstellte Könige in Aquitanien (Pippin) und Bayern (Ludwig) regieren. Ein halbes Jahr nach dieser Regelung starb Ludwigs erste Ehefrau.

Mit seiner zweiten Ehefrau, Judith, die ihm 823 den Sohn Karl den Kahlen schenken wird, wird das Scheitern der Ordinatio Imperii beginnen. Ludwig wird von seiner Judith bedrängt werden die Ordinatio Imperii zugunsten des gemeinsamen Kindes Karl zu ändern. Das werden dessen Halbbrüder Lothar, Ludwig und Pippin aber nicht akzeptieren. Doch wieder der Reihe nach.

Judith wurde zunächst von Ludwig im Februar 819 bei einer Brautschau unter fränkischen Adelstöchtern zu seiner zweiten Ehefrau auserkoren. Judith ist klug, willensstark und sehr schön. Sie gewinnt so großen Einfluss auf Ludwig, dass man sie sogar die „Herrscherin des Kaisers“ nennt. 819 ist ein gutes Jahr. Es herrscht an fast allen Grenzen des Reiches Ruhe. Die Bretonen, Basken und Elbslawen haben sich dem Kaiser gebeugt. Nur an der Nordgrenze droht von den Wikingern Gefahr, denen Ludwig mit seinem jütländischen Vasallen König Klak (Dänemark gab es noch nicht) Einhalt gebietet. 821 wird die Ordinatio imperii erneut bestätigt. An der Nordgrenze des Reiches herrscht tatsächlich Ruhe; denn Klak hält die Wikingerschiffe den fränkischen Küsten fern.

822 erfrieren viele Menschen

Auf  einem stürmischen und regnerischen Herbst 821, der die Herbstsaat verdirbt folgt ein extrem strenger Winter 821/22, in dem Rhein, Donau, Elbe und Seine monatelang von Eis überzogen sind. Viele Menschen und Tiere erfrieren. Kaiserin Judith hilft den Menschen, wofür ihr der Abt von Fulda Rabanus Maurus und der Walahfrid Strabo mit wunderschönen Versen danken, die in die Literaturgeschichte eingehen werden. 822 ist das Jahr, in dem Judith mit ihrem Ludwig den späteren König und Kaiser Karl den Kahlen zeugt, der am 13. Juni 823 in Frankfurt geboren wird. Karl könnte dem frommen Ludwig aber auch als Kuckucksei ins Nest gelegt worden sein. Karl ließ nämlich 844 Ludwigs Kämmerer Bernhard, der in Barcelona Unterkönig war, hinrichten und es kam die Vermutung auf, er sei wegen Ehebruchs mit Karls Mutter getötet worden. Vor allem Karls rivalisierende Brüder schürten das Gerücht, dass Karl möglicherweise gar nicht Ludwigs Sohn sei, sondern der Nachkomme von Bernhard aus dessen Beziehung zu Judith. Dann hätte Karl den leiblichen Vater getötet.

Was 822 noch im Kaiserhaus passierte

Ludwig der Fromme führte 822 zudem wegen seines harten Vorgehens gegen Familienangehörige einen öffentlichen Bußakt auf dem Reichstag von Attigny aus.  Er versöhnte sich mit seinen Halbbrüdern und nahm sie wieder in seine Huld auf. Gleichzeitig unterwarf er sich wegen seiner Vergehen gegen sie und andere der über ihn verhängten öffentlichen Kirchenbuße. Damit erfüllte er einen Wunsch führender Geistlicher. Seine Kirchenbuße von 822 bedeutete für Ludwig einen Prestigeverlust.

Ludwigs Sohn Pippin heiratet Ringart und begibt sich in sein Unterkönigsreich Aquitanien, das der heutigen Südhälfte Frankreichs entspricht. Pippin starb 838 und spiele deshalb bei der Reichsteilung 843 keine Rolle mehr.

Ludwigs Regierungstätigkeit im Jahr 822 ist in den „Jahrbüchern des fränkischen Reiches unter Ludwig dem Frommen“ nachuzulesen. Hier der Digitallink zur Bayerischen Staatsbibliothek:

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs3/object/display/bsb11184635_00194.html

Seit 829 führten diese Spannungen zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und seinen Söhnen.In den nun folgenden jahrelangen Auseinandersetzungen wurde Ludwig von seinen eigenen Söhnen zweimal abgesetzt (830 und 833/34), er schaffte es aber immer wieder auf den Thron zurückzukehren und seine Söhne in ihre Schranken zu weisen. Trotz aller Bemühungen gelangt es Ludwig aber nicht, das fränkisches Großreich überlebensfähig zu gestalten. Drei Jahre nach seinem Tod wurde das Frankenreich im Vertrag von Verdun (843) aufgeteilt. Nämlich in

Wenn Ludwig der Fromme in der Geschichtsschreibung schlecht wegkommt, tut ihm diese Unrecht.

  • Er befasste sich intensiv mit religiösen und theologischen Schriften, die er intensiv zu deuten versuchte. Er strebte nach der „vita perfecta“, nach der Vervollkommnung eines im christlichen Sinne geführten Lebens. In diesem Sinne versuchte Ludwig auch die Gesellschaft umfassend moralisch zu erneuern. Die Reichsordnung sollte Ausdruck seines christlichen Herrscherethos sein: Ein Gott, eine Kirche, ein Reich. Die Reichseinheit sollte den Frieden sichern und die Welt zum Glauben führen. Ludwig stellte also die christliche Idee über seine Familieninteressen und die seiner Söhne.
  • Im Zuge der karolingischen Renaissance, die sich antiken Schriften zuwandte, um den Geist an ihnen zu schulen, wurden unter ihm Bibliotheken, Schreibstuben, Malerschulen und Schulen ausgebaut. Klöster und Bischofssitze treten als Kulturzentren zum kaiserlichen Hof hinzu. Es entstanden ein Unterrichtswesen und ein Bildungsbetrieb. Das geistige Leben kam unter ihm „zu gesteigerter Entfaltung“, wie die Schriften eines Walahfried Strabo und Rabanus Maurus belegen. Von geistig-kultureller Stagnation unter Ludwig kann keine Rede sein.
  • Gesetzgebung und Verwaltung wurden weiter verschriftlicht, die Urkundensprache wurde mit präziser Begrifflichkeit weiterentwickelt, die Annalistik (Jahresaufzeichnung wichtiger Ereignisse) entwickelte sich unter ihm weiter, die theologische Bildung erreichte allgemein einen hohen Stand.
  • Ludwig versuchte mehr Rechtssicherheit zu gewährleisten. So gab er Anweisung das Fehdewesen (Selbsthilfe bei Streitfällen) einzudämmen und, wenn dies dem Grafen nicht möglich war, das Königsgericht einzuschalten. Im Prozessrecht drängte er die im Stammesrecht tief verwurzelten Gottesurteile zurück, wenn er sie auch wegen des Rechtsdenken des Volkes nicht völlig abschaffen konnte. Er schaffte aber die Kreuzprobe ab, bei der sich die Kontrahenten mit ausgebreiteten Armen vor einem Kreuz aufstellen mussten. Schuldig war, wer die Arme zuerst sinken ließ. Auch die Kaltwasserprobe wurde abgeschafft. Bei ihr wurde der Proband gefesselt und an einer Leine ins Wasser geworfen. Er erwies sich als unschuldig, wenn er unterging. Im Beweisrecht führte er den Zeugenbeweis für beide Parteien ein. Bis dahin hatte nur eine Partei, meist der Beklagte, Zeugen stellen dürfen. Jetzt durften dies Kläger und Beklagter und der Richter musste jetzt über die Glaubwürdigkeit der Zeugen abwägen, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Gelang das nicht musste einer der Zeugen der Klagepartei gegen einen ebenfalls ausgewählten Zeugen der Beklagtenpartei mit Stock und Stock in den Zweikampf. Wer bei diesem Gottesurteil unterlag, dem wurde die Hand abgeschlagen, die übrigen unterlegenen Zeugen mussten Bußgelder zahlen.
  • Ludwig war ein milder und nachsichtiger Herrscher, was man schon daran sieht, dass er seine Söhne trotz deren revolutionärer Umtriebe gegen ihn, immer wieder mit nachsichtiger Strenge behandelte. Er war in den Augen der Zeigenossen „ein frommer und gütiger Vater.“Ludwig galt seinen Zeitgenossen als der milde Herrscher, der für seine Freunde sorgt und Unrecht wieder gut macht. Seine Frömmigkeit, Milde und Friedensliebe wurden als sittliche Vorzüge betrachtet. Er galt als der weise Salomon, im Unterschied zu seinem kriegerischen Vater Karl, der mit dem biblischen David gleichgesetzt wurde. Luwig war vielleicht mehr Priester als König.
  • Er förderte das Aufblühen der Literatur und der freien Künste.
  • Die Geldwirtschaft wurde durch Vermehrung von Münzstätten ausgeweitet. Geldfälscherei wurde hart bestraft. Aber auch diejenigen, die sich weigerten gültige Denare als Zahlungsmittel anzunehmen. 822/823 wurde übrigens unter Ludwig sein erster eigener Münztyp eingeführt. Auf der Vorderseite war ein Kreuz mit Namen und Kaisertitel, auf der Rückseite ein Tempel.

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    Der Denar Ludwig des Frommen wurde von 822 bis 840 geprägt
  • Ludwig bewunderte die mönchische Lebensform mit ihrer Askese und Selbstdisziplin, die er selbst immer wieder zeigte, als er sich trotz schwerer Krankheit bis an sein Lebensende um die Lösung das Problems der Nachfolge bemühte.
  • Der Historiker Egon Boshof bezeichnet Ludwigs Regierungsphase bis 829 als „Höhepunkt karolingischer Geschichte“, in der Vieles, was Karl der Große angestoßen hatte, zur Vollendung geführt wurde.
  • Die fränkische Expansion war schon unter Karl dem Großen an ihre Grenzen gestoßen. Ludwig versuchte das Reich im Inneren zu festigen. Hierzu versuchte er den fränkischen Adel einzubinden, den er auf das christliche Ideal der Verantwortung der Führungsschicht vor Gott einzubinden versuchte. Es war der Adel, der ihn in seiner alten Beutegier nach immer mehr Land im Stich ließ. Ludwig war einem christlichen Herrscherethos verpflichtet und kein Tyrann. Er hatte eine von christlichem Ethos geprägte Reichskonzeption, die laut Boshof „sicher zu den großen politischen Entwürfen der europäischen Geschichte gehört“. Hierfür fehle dem fränkischen Adel, der Ludwig die Gefolgschaft verweigerte, der politische Weitblick. Während Ludwig eine Versittlichung und Verchristlichung der Adelsgesellschaftund damit des Reiches wollte, war die fränkische Adelsgesellschaft von solchen Reformgedanken überfordert. Das Scheitern Ludwigs dokumentiert also neben persönlichen Fehlern Ludwigs auch ein Versagen der fränkischen Adelsgesellschaft und Teilen der Kirche, die sich trotz Ludwigs christlicher Reichsidee gegen ihn stellten.

Brache, Winter- und Sommergetreide

Im Frankenreich wurde 822 schon die Dreifelderwirtschaft praktiziert und nicht mehr die von den Römern eingeführte Zweifelderwirtschaft.

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Weihnachten war jetzt öffentlich

822 war es noch keine zehn Jahre her, dass 813 die Synode in Mainz beschlossen hatte, allgemein öffentlich Weihnachten zu feiern. Bis 1773 umfasste die Weihnachtszeit vier Feiertage.

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Die älteste Darstellung der Geburt Christi stammt aus dem 9. Jh. Fesco in Castelseprio.

England wird Königsreich

In den 820er Jahren entstand aber auch das heutige England, indem Egbert von Wessex in den 820ern die  englischen Teilreiche erobert und vereint. Er gilt als erster englischer König.

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Egbert von Wessex

Der Islam bedroht Europa

Die Sarazenen bedrohten Europa und beginnen bald die Eroberung von Kreta (ab 826) und Sizilien (ab 827).

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Sarazenenarmee

Missionierung der Dänen

Die Germanen waren noch nicht alle Christen. So missionierte Ansgar von Bremen in den 820ern in Dänemark und Schweden.

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Statue in Kopenhagen

Spanien unter den Mohren

In Spanien herrschten die Moros, wie man sie dort heute noch nennt. Deshalb hätten die Spanier auch kein Problem Mohrenkopf zu sagen. Die Mohren waren maurische Emire, die z.B. im prachtvollen Cordoba zu Allah beteten, oder wie der Emir von Cordoba wunderschön dichteten: „Ist Allah je eine besser Werk gediehn / seit er die Schöpfung schuf, als diese junge Maid? / Auf ihren Rosenwangen blüht Jasmin, / der einen Garten übertrifft an Herrlichkeit. // Ach, könnt ich ohne Herz und ohne Augen leben, / ich risse sie heraus und hängte sie voll Lust / – dem Halsband gleich, das ich ihr jüngst gegeben – / um ihren Nacken und um ihre Brust.“Cordoba.jpg

Der Begriff „Spanische Mark“ taucht auf

821 taucht erstmals der Begriff spanische Mark auf, der bis 850 üblich war, sich aber in der Geschichtswissenschaft bis heute gehalten hat. Die fränkische Herrschaft reichte bis nach Barcelona.

frankenreich

Die Awaren

Zwischen dem Fränkischen und dem Byzantinischen Reich hatten über 200 Jahre lang die Awaren geherrscht, die 822 zum letzten Mal einen Gesandten nach Frankfurt schickten, ehe ihr Reich zu Ende ging. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste die heutigen Länder Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Rumänien sowie Teile von Polen, Österreich, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina und Bulgarien. Hier ein Awarenbogen und der Rest des Königreichs der Awaren (Avars) um 814:

Fulda

In  Fulda wurde die Michelskirche, 822 fertiggestellt. Die Bauzeit dauerte von 820 bis 822. Sie gilt als der älteste Nachbau der Grabeskirche in Deutschland und zählt zu den bedeutendsten mittelalterlichen Sakralbauten Deutschlands.
1024px-St.-Michaelskirche-2284.jpgSie diente als Totenkapelle des 744 gegründeten Klosters Fulda, eines der führenden kulturellen Zentren des frühen Mittelalters.

Rabanus Maurus

822 wurde Rabanus Maurus Abt des Klosters Fulda. Er galt als „Erster Lehrer Germaniens“, denn er sammelte und vermittelte das gesamte philosophische, theologische und naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit. Er hatte schon als junger Gelehrter an der Hofschule Karls des Großen geglänzt. Als erster Gelehrter aus dem deutschen Sprachgebiet kommentierte er nahezu die gesamte Bibel

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Der junge Rabanus (links) – begleitet von seinem Lehrer Alkuin (Mitte) überreicht dem Erzbischof (rechts) ein Werk

Der noch heute gesungene Pfingsthymnus Veni creator spiritus (Komm Schöpfer Geist) soll von ihm verfasst sein.

Corvey

822 wird die heutige Abtei in Corvey an der Weser gegründet. Karl der Große hatte 804 die Sachsen unterworfen und wollte sie christianisieren.Die Christianisierung der Sachsen wollte in dem neu gewonnenen Gebiet durch die Gründung eines Reichsklosters festigen und fördern. Durch den Tod Karls verzögerte sich die Umsetzung der Pläne. 815 oder 816 wurde  das erste Kloster im Land der Sachsen in dem heute nicht mehr lokalisierbaren Hethis, zunächst als Propstei von Corbie gegründet. Dorther kamen die ersten Mönche. Hethis erwies wegen seiner Unfruchtbarkeit als ungeeignet für das Klosterleben. Die Mönche wussten nicht, wie sie an ausreichend Nahrung und Kleidung gelangen konnten und waren auf Hilfslieferungen aus dem Mutterkloster angewiesen. Trotz materieller Not erblühte in Nova Corbeia das Klosterleben. Die Klosterschule nahm ihren Betrieb auf und die Klosterschüler beachteten und lebten getreulich und fromm die Klosterregel. Aber die Not wurde sehr groß. Deshalb verlegte der Konvent seinen Sitz im Jahre 822 an die Stelle des heutigen Schlosses Corvey. Es spaltete sich vom Mutterkloster ab.

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Das Westwerk der 822 gegründeten Abtei Corvey an der Weser wurde 885 geweiht, die Kirche bereits 844. Es ist heute Unesco-Weltkulturerbe.

Die Heilige Cäcilia

In Rom wurde 822 die Kirche Santa Cecilia (Heilige Cäcilie) gebaut. Die Gebeine der Heiligen Cäcilia von Rom, Patronin der Kirchenmusik, waren in den Katakomben an der Via Appia außerhalb von Rom unverwest wiederentdeckt worden. Daraufhin ließ der Papst die Kirche Santa Cecilia in Trastevere auf der überlieferten Stelle ihres Geburtshauses bauen und die Gebeine der Heiligen darin beisetzen. Cäcilia ist die Namensgeberin der zahlreichen Cäcilienvereine, den es auch in Mönchzell gab.

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Wer es bis hierher geschafft hat, hat wirklich geschichtliches Interesse. Daher vielleicht auch eine Bitte. Wenn Du weitere Informationen aus dem Jahr 822 hast, vielleicht sogar aus der Region Rhein-Neckar, dann wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du sie mir zukommen lassen würdest (ruby@ruby-erbrecht.de). Danke

822 in anderen Kalendern
Armenischer Kalender 270/271 (Jahreswechsel Juli)
Äthiopischer Kalender 814/815
Buddhistische Zeitrechnung 1365/66 (südlicher Buddhismus); 1364/65 (Alternativberechnung nach Buddhas Parinirvana)
Chinesischer Kalender 58. (59.) ZyklusJahr des Wasser-Tigers 壬寅 (am Beginn des Jahres Metall-Büffel 辛丑)
Chula Sakarat (Siam, Myanmar) / Dai-Kalender (Vietnam) 184/185 (Jahreswechsel April)
Iranischer Kalender 200/201 (um den 21. März)
Islamischer Kalender 206/207 (26./27. Mai)
Jüdischer Kalender 4582/83 (19./20. September)
Koptischer Kalender 538/539
Römischer Kalender ab urbe condita MDLXXV (1575)Ära Diokletians: 538/539 (Jahreswechsel November)
Seleukidische Ära Babylon: 1132/33 (Jahreswechsel April)Syrien: 1133/34 (Jahreswechsel Oktober)
Spanische Ära 860
Vikram Sambat(Nepalesischer Kalender) 878/879 (Jahreswechsel April)

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