So war das damals mit den Meckesheimer Juden

So war das damals also in Meckesheim und anderswo in Baden. Edith Wolber hat ein lobenswert gutes Buch vorgelegt, das Beachtung über das Meckesheimer Umfeld hinaus verdient und jetzt auch gefunden hat.
judischesleben
Ihr „Jüdisches Leben“ wurde am 17.11.2016 mit dem ersten Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Die  grüne Kommunalpolitikerin und ehemalige Grünen-Bundestagskandidatin erhielt vom baden-württembergischen Wissenschaftministerium ein Preisgeld von 5000 Euro. Das hätte sich Edith Wolber sicher nicht träumen lassen, als sie vor 40 Jahren nach Meckesheim zog. Die Grünen steckten damals noch in den Kindersandalen. Jetzt vier Jahrzehnte später dekoriert eine grüne Wissenschaftsministerin eine grüne Heimatforscherin. Wie sich die Zeiten ändern. Verstaubte Heimatkunde hat ja auf den ersten Blick nun gar nichts Grünes an sich. Aber bei der „richtigen“ Themenauswahl können sich auch Grüne für Heimatforschung begeistern. Bereits im Jahr davor war übrigens der Landespreis nach Meckesheim gegangen. Frank Janzowski untersuchte „Die NS-Vergangenheit in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch“ und wurde ebenfalls ausgezeichnet. 2016 holte nun Edith Wolber die Nazi-Vergangenheit Meckesheims aus dem braunen Dunkel der Geschichte. Die Ausleuchtung solcher Dunkelräume findet beim grünen Ministerium offensichtlich Gefallen. Durch diese Randnotiz sollen die Leistung Jazowskis und Wolbers aber weiß Gott nicht in Frage gestellt werden.
Die 384 Lebensseiten durchzulesen erfordert schon ein gewisses Durchhaltevermögen. Das im Verlag regionalkultur  erschienene Buch atmet allerdings nicht den Mief einer heimatgeschichtlichen Honoratiorenarbeit. Dazu ist schon das Thema zu spannend und zeitlich nah. Der Klappentext gibt einen kurzen Überblick: Um 1700 ließen sich erstmals jüdische Familien in Meckesheim nieder. Die jüdische Landgemeinde bestand in den folgenden 200 Jahren aus wenigen Haushalten und zählte nie mehr als 63 Mitglieder. Die jüdische Minderheit und die christliche Mehrheit im Dorf lebten bis ins 20. Jahrhundert in relativ friedlicher Nachbarschaft. Das Zusammenleben änderte sich radikal, als 1930 ein NSDAP-Stützpunkt und die Hitlerjugend gegründet wurden.Einschüchterungen und Ausgrenzungen häuften sich. Die junge jüdische Bevölkerung suchte Schutz in der Anonymität der Großstädte. Einigen gelang die Emigration nach Übersee. Am 22. Oktober 1940 erfolgte die Deportation der Zurückgebliebenen von Meckesheim nach Gurs. Insgesamt fanden sechzehn Kinder, Frauen und Männer, die entweder in Meckesheim geboren worden waren, gelebt oder eingeheiratet hatten, einen gewaltsamen Tod in den Vernichtungslagern.
GursLagerbild.jpg
Lagerbild aus Gurs 1939
Brutale Gewalt mussten auch manche der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen erfahren sowie kranke christliche Meckesheimerinnen, die im Rahmen der ‚Euthanasie-Aktion‘ in Grafeneck vergast wurden. Auch ein in Meckesheim geborener Sinto wurde im Zigeunerlager Auschwitz ermordet.
Alleine die Fakten machen betroffen. Wolber führt den Leser vor die eigene Haustür, ins Meckesheimer Dorfleben zur Zeit des sog. Dritten Reiches. Mit wissenschaftlicher Akribie hat Wolber dabei alles zusammengetragen, was über das jüdische Leben in Meckesheim im Generallandesarchiv und im spärlichen Meckesheimer Ortsarchiv noch zu finden war. Letzteres war vom Jahrhunderthochwasser 1971 schwer geschädigt worden war.
Edith Wolber bringt mit nüchterner Sachlichkeit jüdische Lebensgeschichten vor Ort näher, die betroffen machen. Die ergreifenden Lebensschicksale sprechen für sich. Einen Brückenschlag in die Gegenwart bilden die zahlreichen Interviews von Augenzeugen, als Repräsentanten des von Wolber sogenannten „Kollektiven Gedächtnisses“ im Ort. Der Begriff „Kollektives Gedächtnis“ lässt aufmerken. Er ist ein psychologischer Kunstgriff. Warum wurde er bemüht? Was soll damit gesagt werden? Wer ist berufen ein solches angebliches kollektives Gedächtnis zu deuten? Wer legt fest, was es sich zurechtstrickt oder verdrängt? Dick Harrison hat 2007 in seiner Geschichte biblischer Gestalten aufgezeigt, wie fragwürdig solche Begrifflichkeiten in der Geschichtsforschung sind.
Erzählerisch geschickt bettet Wolber die Meckesheimer Ortsgeschichte, die sich spiegelbildlich in den meisten badischen Orten genauso abgespielt haben dürfte, in die Geschichte des sog. Tausendjährigen Reichs ein. Bei der Lektüre gelangt man zur Einsicht, dass sich die große Geschichte eben doch bei den kleinen Leuten, nämlich überall abspielt, auch in Meckesheim und in der Kraichgauer Provinz.
Nach dem ersten, etwas zähen wisschenschaftlichen Einführungskapitel, ist das Buch immer wieder spannend zu lesen. Die Einzelschicksale der Meckesheimer Juden verschlagen einem den Atem. Wolbers Buch ist jedem, der sich mit der Frage der badischen Juden im Dritten Reich beschäftigen will oder muss, zu empfehlen. Die Judenverfolgung machte vor dem Kraichgau nicht halt.
Wohltuend ist dabei, dass Wolber ohne oberlehrerhafte Wertungen und moralischen Zeigefinger auskommt. Diesen zu erheben war auch nicht nötig. Die Geschichten, die Edith Wolber in nüchterner Sprache erzählt, sprechen für sich. Die erschütternden Einzelschicksale  Meckesheimer Bürger bringen dem Leser die menschliche Tragödie jener Zeit ganz nah. Wie der Nazismus vor 70 Jahren vor unserer Haustür menschliche Hoffnungen und Lebenspläne beendete, macht sprachlos. Edith Wolber lässt ihren Lesern die braune Meckesheimer Vergangenheit unter die Haut kriechen.

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