In Mönchzell war das Paradies – Deshalb kommt auch die Erbsünde von dort

Das Foto oben zeigt die katholische Kirche in Spechbach, wo sich die nachfolgende Geschichte ereignete

Diese Geschichte kennt in Mönchzell jeder

Der Volksmund weiß scherzhaft zu berichten, dass die Erbsünde aus Mönchzell kommen soll. Die Mönchzeller Katholiken mussten nach der Reformation zum Kirchgang über den Reichelsberg in das zwei Kilometer entfernte Spechbach gehen. Eine Mönchzeller Kirchgängerin hatte sich verspätet und traf erst ein, als der Pfarrer mitten in seiner Predigt war, die von der Erbsünde handelte. Just in dem Moment als der predigende Pfarrer in volle Fahrt geraten  war und in die Kirche rief „Und wo kommt Sie her die Erbsünde, wo kommt sie her?“ trat die Mönchzeller Kirchgängerin ein. Sie hörte gerade noch den letzten Halbsatz „wo kommt Sie her?“. Sie fühlte sich verständlicherweise angesprochen und wollte als Verspätete ertappt im Boden versinken. Zitternd vor Angst antwortete sie im Kurpfälzer Dialekt „Vun Minischzell, Herr Pfarrer, vun Minischzell“. Diese Geschichte verbreitete sich im gesamten Kleinen Odenwald und seitdem kommt die Erbsünde aus Mönchzell.

Anton Dörtzbach: „In Mönchzell war das Paradies“

Die Mönchzeller Katholiken hatten also rund 200 Jahre lang einen weiten Weg zur Pfarrkirche in Spechbach. Das Zuspätkommen war daher eigentlich privilegiert. Die Anekdote über die Herkunft der Erbsünde hat Anton Dörtzbach in Reime geschmiedet. Das gedicht wurde von mir leicht überarbeitet, vor allem wegen der Metrik. Ich finde es sehr ansprechend.

Dreihundert Jahr schon gibt’s die Mär,
Die Erbsünd käm‘ von Mönchzell her.
Schon viele haben sie vernommen,
Doch wie es einst dazu gekommen,
Das weiß, weil es so lange her,
Heutzutag‘ kaum einer mehr.

Die alte Zeit war nicht so gut,
Wie heute manch einer glauben tut.
Schon damals gab es Zank und Streit,
Und deshalb auch viel Not und Leid.
Auch Mönchzell wurde nicht verschont,
Viel Leid erfuhr, wer hier gewohnt.

Kriegsbanden kamen immer wieder,
Sie mordeten und brannten nieder.
Als auch das Gotteshaus verbrannte,
Zogen die Mönche aus dem Lande.
Zur Messe und zu Gotteswort,
Musst‘ man nun in den Nachbarsort.

So zog nun eine fromme Schar
An jedem Sonntag, Jahr für Jahr,
Nach Spechbach in das Gotteshaus
So gut wie keiner schloss sich aus.
Doch wie es halt so manchmal geht,
So mancher kam auch mal zu spät.

Als strenger Diener seines Herrn
Sah dies der Pfarrer gar nicht gern.
Wenn einer erst zur Predigt kam
Er dies sehr oft zum Anlass nahm,
Ihm eine Rüge zu erteilen,
Er möge sich gefälligst eilen.

Ein Weiblein hat‘ sich vorgenommen,
Wenn möglich nicht zu spät zu kommen.
Doch ach, auf ihre alten Tage
War ihr das Gehen eine Plage.
Die Atemnot wurd‘ immer schlimmer,
Sie glaubte schon sie schafft es nimmer.

Sie blieb zurück und machte Rast,
Und hat den Anschluss ganz verpasst.
Drum konnte sie beim weitergehen,
Schon weit und breit niemand‘ mehr sehen,
Jedoch gedrängt vom Pflichtgefühl
Strebt‘ sie alleine nun zum Ziel.

Als sie dort durch den Türspalt schielt‘
Der Pfarrer schon die Predigt hielt.
„Die Erbsünd“ war sein Thema heut‘
Und, dass der, welcher nie bereut,
Zur ewigen Verdammnis fährt,
Von wo aus keiner wiederkehrt.

Der Sünde Ursprung wollt er wissen
Und ließ an Schärfe nichts vermissen
Als er die schwere Frage stellt:
„Wer brachte sie auf diese Welt?“
Und diese sofort hinterher:
„Ich frage euch, wo kommt sie her?“

In dem Moment wollt‘ ungesehen
Die alte Frau zur Bank hingehen.
Als sie die letzte Frage hört,
Da blieb sie stehen, ganz verstört
Und dachte nur jetzt ist’s geschehen,
Jetzt hat er mich halt doch gesehen.

Die Angst schnürt ihr die Kehle zu,
Vor Augen wurd‘ ihr schwarz im Nu.
Kaum war ihr wieder etwas besser,
Da klang’s erneut, schwarf wie ein Messer,
Des Pfarrers Stimme schicksalsschwer:
„Ich frage euch, wo kommt sie her?“

Sie dacht‘ ’s wird Zeit, dass ich es sage,
Da kam zum dritten Mal die Frage.
Doch weil die Stimme strapaziert,
Es diesmal nur ein Schnarren wird.
Und just genau nach ihrem Schnarrer
Rief sie „Vun Minischzell, Herr Pfarrer.“

Der Vorfall machte schnell die Runde,
Man sagt seither, seit jener Stunde:
„Die Erbsünd kummt vun Minischzell.“
Manch einer ist damit ganz schnell,
Wenn er Mönchzeller ärgern will
Und hofft, die sind dazu ganz still.

Doch, wer die Schulzeit nicht verpennt‘
Und deshalb auch die Bibel kennt,
Der weiß es sicherlich genau,
Dass einst des alten Adams Frau,
Im Paradies den Apfel pflückte,
Mit dem sie ihn sodann beglückte.

Und damit ist es klar für jeden:
„Die Sünd‘ geschah im Garten Eden.“
Und deshalb sagt, wer damit neckt,
Mit seinem Spott auch indirekt
Nicht mehr und weniger als dies
„In Mönchzell war das Paradies!“

Nun, wer die schöne Landschaft sieht,
Wenn hier im Frühling alles blüht,
Dem leuchtet es wahrhaftig ein:
„Hier muss es wohl gewesen sein.“
Dazu könnt‘ man nach phantasieren
Und auch Beweise konstruieren.

Gott hat durch dieses Weibleins Mund
Der Menschheit just zu jener Stund
– Halt allen Menschen  – mitgeteilt
Wo Adam einstmals hat geweilt
Wo er mit Eva glücklich war,
Bevor der Sündenfall geschah.

Wie Adam später, ganz verloren
Vor Mönchzells paradies’schen Toren
Dann vegetierte und verdarb
Und letztendlich in Mauer starb,
Wo Daniel Hartmann dann im Sand
noch seinen Unterkiefer fand.

Doch möcht‘ ich nicht zu dick auftragen
Sondern nur ganz bescheiden sagen:
Das Paradies, den Garten Eden,
Den gibt es irgendwo für jeden.
Und Mönchzell ist, das bleibt gewiss,
Für viele auch ein Paradies.“

Zur Geschichte der katholischen Kirche in Spechbach

Im Jahre 1766 Jahren vollendeten Spechbachs Katholiken ihre neue Sankt-Martins-Kirche. Ihr 36 Meter hoher Turm soll  auf den Fundamenten eines römischen Wachturms emporwachsen. Er ist der älteste Teil der Kirche. Der Überlieferung nach soll schon um das Jahr 800 eine Art Kirche an dieser Stelle gestanden haben. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Spechbacher Pfarrei 1393. Als Außenstelle des Benediktinerklosters in Wiesenbach.

1561 kam dann das große Ausräumen: Spechbach bekannte sich fast 100-prozentig zu Martin Luther. Die üppigen Altäre und Heiligenbilder verschwanden. 130 Jahre lang brannte am Spechbach kein Ewiges Licht mehr, dann fruchteten die Bemühungen des katholischen Kurfürsten: 1707 nahmen die Katholiken St. Martin wieder in Besitz. Doch die Kirche gefiel ihnen nicht mehr – zu altmodisch und zu klein. Ein hübsches barockes Gotteshaus musste her mit zwei Fensterachsen im Langhaus und Seitenportalen. Schließlich war St. Martin jetzt Mittelpunktskirche für Mönchzell, Lobenfeld, Waldwimmersbach und Epfenbach. Sonntags pilgerten die Gläubigen in Scharen übers Feld.

1766 wurde die heutige St. Martinskirche geweiht. Knapp 50 Jahre später erweiterte man sie noch einmal nach Westen. Heute bietet das Gotteshaus Sitzplätze für 326 Gläubige.

1972 kam das große Ausräumen Teil zwei: Das Zweite Vatikanische Konzil hatte den Ritus der katholischen Kirche radikal modernisiert. Jetzt waren die Kirchenräume dran. Der Hochaltar, die beiden Seitenaltäre und die frei stehende Kanzel verschwanden. Nur die barocke Madonna aus Holz durfte bleiben. Der Chorraum wurde vergrößert und mit zeitgenössischer Kunst aus Bronze neu gestaltet. Die Pforzheimer Künstlerin Gisela Bär hat den Ambo, Tabernakel und vor allem das Kreuz entworfen.

Den Heiligen Martin hat die Spechbacher Frauengemeinschaft ihrer Kirche geschenkt. Ein moderner Wandbehang zeigt den römischen Soldaten, wie er seinen Mantel mit dem Bettler teilt.

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